Tagesthema vom 16. Mai 2010

 

Thema:

„Die Bibel in meinem Leben als Exeget -

Dimensionen des Umgangs mit der Bibel"

 

Referent:

Prof. Dr. Gerhard Lohfink

 

Dr. Gerhard Lohfink (R. für Referent), geb. 1934 in Frankfurt, studierte ab 1955 Philosophie und Theologie in Frankfurt und München und empfing die Priesterweihe 1960 für das Bistum Limburg; nach Kaplans- und Schuldienst Promotion 1971 und Habilitation 1973; ab 1976 Ordinarius für neues Testament an der Universi­tät Tübingen. 1987 schied R. auf eigenen Wunsch aus dem Universitätsdienst aus und lebt seither in der Katholischen Integrierten Gemeinde. Aus der Vielzahl seiner Veröffentlichungen lagen beim Treffen mehrere Bücher zum Kauf aus. Für das Referat wählte R. einen Bibeltext, der ihn schon seit seiner Kindheit „begleite­te", um anhand seines Lebensablaufes die Veränderung seines Umganges mit der Bibel aufzuzeigen. Er wählte dazu die Geschichte der Weisen aus dem Morgenland aus dem Mt. Evangelium.

In der Kindheit war die Geschichte mit den Namen von drei Königen, deren Geschenken und deren „Zutre­ten" zur Krippe verbunden. Die damit verbundenen Legenden und Lieder waren Teil eines kindlichen Glau­bens. Mit dem Beginn des Theologiestudiums änderte sich das Verständnis des R. hin zu μάγοι = magoi, persischen Priestern, Leuten aus dem Orient, insbesondere Weise, Magier, eine Mischung von Sterndeutern, Traumdeutern, Zauberern, Philosophen, Ärzten. Der Bibel-Studenten lernte, dass die Erzählung nur Matthäus berichtet, der nur von Magiern aus dem Osten, nicht von „drei" spricht und dass die Aussage der drei Könige sich erst viel später entwickelt habe. Er lernte unterschiedliche Interpretationen der Erzählung kennen; eine astronomisch geprägte, in welcher Jupiter dem Königsstern, Saturn dem Stern der Juden und das Sternbild der Fische dem der westlichen Himmelsrichtung entsprachen, dass die Mt. Erzählung folglich ein Dokumen­tarbericht sei. R. lernte aber auch eine völlig andere Interpretation kennen. Nämlich eine, wonach es sich bei dem Text um eine Legende vom weit verbreiteten Typ „Rettung des Königskindes" handele, wobei R. die hier nicht im Detail wiedergegebenen Begründungen nannte.

Die kontroversen Interpretationen fand der Theologiestudent interessant, die Geschichte weiterhin schön und auch wahr, wenn auch in einem tieferen Sinn, aber er hielt fest, dass man auch sagen können müsse, worin die Wahrheit einer Erzählung bestehe. Im Lauf der Jahre sei dem R. deutlich geworden, dass weder eine astronomisch historische Deutung noch eine psychologisch und kritische Interpretation die Erzählung des Mt. wirklich erschließen könnten. Die Erschließung sei in der Liturgie der Kirche möglich, da diese seit frühester Zeit neben diesen Text die alttestamentliche Lesung des Anfangs von Jesaja 60 stellt, nämlich die Völkerwallfahrt zum Zion, den Zug der Heidenvölker nach Jerusalem. Darin strömen alle Völker zum Zionsberg und lernen in Jerusalem den Willen Gottes kennen. Sie schmieden Schwerter um zu Pflugscharen und Lanzen zu Winzermessern. Die Welt findet dort zum Frieden. Die Visionen in Jesaja 2 und Jesaja 60 ist ge­sellschaftlich gemeint und redet vom Dunkel, das die Völker bedeckt: die Welt lebt in Chaos und Ratlosig­keit, doch sofort zeichnet der Text ein Gegenbild: Israel/Jerusalem wird zum Licht der Welt und die gelebte Sozialordnung wird zum Heilmittel für den Frieden. Deshalb machen sich die Heidenvölker von überall zum Zion auf, um zu erfahren, wie es möglich sei, dass Menschen in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben. Das aber ist der Glanz vom Zion, der Glanz Gottes selbst. Die Menschen, die von überall her zum Zion kommen, erkennen Gottes Wirken und seinen Plan, können am Leben des Gottesvolkes teilnehmen und werden zum Lobpreis Gottes fähig.

In der neuen Stadt sammelt sich der Reichtum des Meeres, wertvolle Ladungen von Handelsschiffen, Kara­wanen mit Lastkamelen mit Kostbarkeiten, Gold und Weihrauch. Diese Bilder bezeichnen die Erfüllung der Verheißungen Gottes. Was die Heidenvölker bringen, ist das Beste, das sie haben, ihr Wissen, ihre Welter­fahrung, ihre Kunst und Tradition. Die zukünftige Stadt, von der Jesaja spricht, ist keine Sonderwelt und keine geschlossene Gesellschaft und sie grenzt nichts von dem aus, was es bei den Völkern an Gutem, an Gelungenem und Schönem gibt; vielmehr wird alles zusammengeführt, zu seiner Identität gebracht und wei­tervermittelt. Weil Gott die Freiheit der Völker achtet, braucht er einen Ort, wo die Gesellschaft, die er schon immer erträumt hat, Gestalt annimmt. Das von Gott neu Geschaffene kann in Freiheit angenommen werden, an dem von Gott erwählten Ort kennen gelernt werden, und die Menschen können in Freiheit teilhaben an einer neuen Geschichte zum Segen der Welt (Joachim Jeremias, „Jesu Verheißung für die Völker"). Mit der Berufung an der Universität Tübingen weitete sich das Verständnis des R. dahingehend, dass der Motiv­komplex Völkerwallfahrt auch hinter vielen Texten des NT steht, dass Jesus selbst diese Theologie in sei­nem gesamten Wirken voraussetzt, was unter anderem daran deutlich wird, dass Jesus die mitten in Israel gelegenen großen heidnischen Städte nie betrat. Sein Ziel war es, Israel zu sammeln und dafür zu gewinnen, das Reich Gottes anzunehmen, die zerfallene Hütte Davids wieder aufzurichten. Vor diesem Hintergrund sind viele nachösterliche Texte im neuen Licht zu verstehen, z. B. Hebräer 12,18-24, der einen Höhepunkt des Briefes darstellt und eine Gegenwartseschatologie vertritt. Der wahre Zion, das himmlische Jerusalem, ist die himm­lische Ekklesia als Urbild der irdischen Ekklesia. In ihr sind Gott, Christus und die bereits vollendeten Ge­rechten versammelt, und hier sind die Heidenchristen in der Völkerwallfahrt bereits hinzugekommen, wenn auch der eschatologische Vorbehalt (zum Richter aller Menschen hinzugetreten) bestehen bleibt.

Wenn sich die irdische Gemeinde zu Eucharistie versammelt, dann steht sie bereits vor dem Thron Gottes. Das aber ist Gegenwartseschatologie, dass mit Jesus das unüberbietbare Heil mitten in der Geschichte an­gekommen ist. Der Text setzt also das Schema der Völkerwallfahrt voraus, das viele neutestamentliche Tex­te (Matthäus 2) als Hintergrund haben. Sein Evangelium ist auf diese Weise quasi eingerahmt von dem sich schon ankündigenden Kommen der Heiden in Kapitel 2 und dem Auftrag des Auferstandenen zu Heiden­mission in Kapitel 28. In der Bergpredigt lehrt Jesus den endzeitlichen Frieden, die absolute Gewaltlosigkeit und darin erfüllt sich die endzeitliche Vision von der Völkerwallfahrt. Die Heiden kommen von weit her, aus allen Völkern, bringen ihre Schätze und finden Erfüllung ihrer Sehnsucht, in den messianischen Gemeinden Rettung und Heil. Für die neutestamentlichen Gemeinden war die Vision des Jesaja keine Utopie und kei­nesfalls eine gut erfundene Geschichte, vielmehr hat die Vision begonnen in der an Christus glaubenden Kirche aus der Kraft einer neuen Lebensordnung in Frieden. In einer Kirche, zu der die Menschen angezo­gen werden vom neuen Leben der Christen. Auch frühchristliche Theologen wie Justin, Irenäus, Tertullian, Origines und viele Andere dachten so; ebenso die gesamte frühe Kirche und die frühen Kirchenväter. Justin schreibt: „Dass die Vision von Jesaja eingetroffen ist, davon könnt ihr euch selbst überzeugen". Ein Bewusstsein von ganz und gar Neuem in der Welt und Stolz und Sicherheit sprechen aus diesen Sätzen. Ähnlich schreibt Origines: „Die Heiden strömen schon herbei. Der endzeitliche Friede wird schon Wirklichkeit". Eine anschei­nende Unbescheidenheit, die jedoch darauf hinweist, dass Jesus nicht der Messias gewesen sein kann, wenn der messianische Friede in der Welt nicht schon begonnen hat. Dem R. wird als Professor klar, dass die Erzählung von den Weisen als eine gewaltige Vision gesellschaftlich ernst zu nehmen ist: eine Vision von Kirche, der es um diese Welt und ihre Geschichte geht, eine Vision von einer Kirche, in der alle Kostbar­keiten der Völker versammelt sind. Die Kirche als endzeitliches Gottesvolk ist dazu gerufen, das in ihrem Glanz des Herrn aufstrahlt.

Aus dieser Erkenntnis machte sich R. auf die Suche nach Menschen, die Kirche so verstehen, und er fand Menschen aus vielen Ländern, geprägt von der Sehnsucht, Kirche neu zu erfahren als Lebendiges und Schönes. Er fand Menschen, die ihre Schätze, ihre ganze Existenz mitbrachten und weiß heute deshalb ganz sicher: die Erzählung des Matthäus ist wahr in allen ihren Einzelheiten; soweit die Geschichte des R. mit dem besprochenen Text.

Abschließend fasst R. zusammen: der Text aus Matthäus 2 ist weder Dokumentarbericht noch romanhafte Erzählung. Er ist sicher teilweise konstruiert und enthält fiktive Elemente, ist jedoch nicht der freien Phanta­sie entsprungen. Er wird von der Vision der Völkerwallfahrt gespeist und sagt, dass sich diese Vision schon jetzt erfülle im Hinzukommen der Heiden zur Kirche. Die Erzählung handelt von einem realen Geschehen, vom Wunder, von dem die junge Kirche selbst überrascht war: dass nun plötzlich von weit her Heiden in die Kirche strömten, und andere begabte und gelehrte Männer und Frauen, voll von Sehnsucht nach dem wahren Gott und seinem Messias. Diese Erfahrung wurde in der Erzählung von den Männern aus dem Osten verdichtet. Nach R. ist klar: Es handelt sich bei diesem Text um eine ganz eigene Art von Textsorte, die er folgender­maßen definiert: eine Erzählung mit fiktiven, möglicherweise auch nicht fiktiven Elementen, welche reale Erfahrungen des Volkes Gottes, die über einen längeren Zeitraum hin gemacht wurden, verdichtet und theo­logisch interpretiert. Solche Erzählungen sind in der Bibel zahlreich, und deshalb gelten für die Auslegung solcher Texte im Unterricht und in der Predigt etwa folgende vier Regeln: sie

erstens nicht als Dokumentarbericht und

zweitens nicht als fromme Märchen verstehen, und im Dilemma zwischen Beidem

drittens nicht in eine humanistische und psychologisierende Erklärung zu flüchten, sondern

viertens die Theologie solcher Erzählungen herauszuarbeiten und dabei den alttestamentlichen Hintergrund und die Volk-Gottes-Erfahrung nicht aus dem Auge zu verlieren.

Fiktive Elemente einer Erzählung schlössen den Kontakt zu realer Geschichte niemals aus, dass vielmehr die Deutung faktischer Geschichte immer auch eine Verdichtung erfordere.

Abschließend betont R. die Wichtigkeit der Fragen nach der Historizität biblischer Texte, um nicht der Gefahr des Fundamentalismus zu erliegen, dass ihn heute aber weniger die Vorgeschichte des Textes, sondern vielmehr der Endtext interessiere, und zwar Aufbau, Struktur, Linienführung, Theologie, Schönheit, und wozu der Text ihn verführen wolle, etwa im Sinne des Satzes: „Als der König Herodes das hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm." Ziel des Theologen für die Auslegung eines Textes solle also sein, angesichts einer genauen Kenntnis der Hintergründe, der Kontexte und der Entstehung eines biblischen Textes diesen in neuer Schlichtheit zu lesen und in seiner endgültigen Gestalt zu erfassen. Der R. bekennt, dass er versu­che, sich an einem Text zu erfreuen, sich von ihm trösten zu lassen, aber auch vor seinem Anspruch zu er­schrecken, in und mit ihm zu leben.

Aus dem Gespräch: Dieser Teil des Protokolles muss diesmal entfallen, da das Gespräch leider infolge eines Fehlers die Tonaufnahme nicht gespeichert wurde.

 

Für das Protokoll: Theodor Gams