Tagesthema vom 18. April 2010

 

 

Thema:

Ist wirklich denkbar, dass Gott 'zur Hölle prädestiniert’?“ -

Zur Lehre von der doppelten Prädestination

 

Referent:

Univ. Prof. Dr. Ulrich H. Körtner

 

 

Die Erwählungslehre ist ein Kernstück der biblischen Überlieferung des Alten und Neuen Testaments. Gott erwählt den Menschen zu seinem Partner und Israel zu seinem Volk. Auch im Neuen Testament hängen Glaube und Erlösung ganz von der Gnade Gottes ab. Aber auch von der Verwerfung ist die Rede, von ewiger Verdammnis. Augustin hat die biblischen Aussagen über Erwählung und Verwerfung zur Lehre von der doppelten Prädestination ausgebaut, Luther, Calvin und die reformierte Tradition sind ihm gefolgt. Heute erscheint uns diese die letzte Konsequenz der paulinischen Rechtfertigungslehre anstößig. Verdunkelt sie nicht das Bild des liebenden Vaters und entlastet von jeder moralischen Verantwortung?

Die Prädestinationslehre spielt als radikal gefasste Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben allein eine wichtige Rolle in der reformatorischen Tradition. Glaube bedeutet die unbedingte Gewissheit, von Gott ganz geliebt und angenommen zu sein. Wie bei Luther gründen sich für Calvin Gewissheit und Zuversicht des Glaubens nicht in moralischen Qualitäten, religiösen Leistungen oder Frömmigkeit, sondern allein in Gott, dessen Liebe gewiss ist und der wir im Leben und Sterben vertrauen können.

Gegen Pelagius vertritt Augustin die Lehre vom unfreien Willen und lehrt die doppelte Prädestination, d. h. eine doppelte Vorherbestimmung (electio der Glaubende, reprobatio der massa perditionis). Daran lassen sich schon die Kernfragen und Probleme der Prädestinationslehre ablesen: Das Verhältnis von Prädes­tination und Providenz, der Ursprung des Bösen und sein Verhältnis zu Gott (Problem der Theodizee), das Problem der Willensfreiheit, von Glaube und Werken, Rechtfertigung und Buße.

Unter Berufung auf Augustin wandten sich die Reformatoren sowohl gegen Thomas von Aquin als auch gegen die Vertreter des Nominalismus. Das Heil ist reine und unverfügbare Gnade, doch sind gute Werke und Verdienste die „prädestinierte“ Voraussetzung der Seligkeit. Vertreter des Nominalismus wie Duns Scotus oder William von Ockham vertraten dagegen eine pelagianische Lösung. Schlüsseltext für die Lehre von der Erwählung war für Calvin der Epheserbrief 1,3-14 :

... sind erwählt vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und makellos seien ... schon seit langem dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus ... so wollte er die Fülle der Zeiten herbeiführen und in Christus alle zusammenfassen - alles im Himmel und alles auf Erden - in ihm ...

Das war Calvin ganz wichtig, doch seine Predigten kreisen nicht um philosophische Probleme eines deter­ministischen Weltbildes, sondern um die existentielle Frage, ob es so etwas wie unbedingte Gewissheit im Leben und im Sterben geben kann.

Was im Neuen Testament über die Erwählung der Glaubenden geschrieben wird (Röm 8,28-30; Röm 9; I Thess 5,9; I Petr 2,8f; I Tim 1,9 oder Thess 2,7-12) wird nach Calvin „deshalb gesagt, damit alle Kinder Gottes in vollem Vertrauen auf einen solchen Hüter ihres Heils nicht zweifeln, dass sie mitten unter den Ge­fahren in Sicherheit sind, ja, damit sie in der Bedrängnis von unermesslichen Gefahren darauf vertrauen, dass ihr Heil außer Gefahr ist, weil es in Gottes Hand ist“.

Das waren für Calvin und seine Glaubensgenossen Halt und Trost in äußerster Bedrängnis und Verfol­gung. Er selbst musste wie viele Anhänger der Reformation aus Frankreich flüchten. Wie dem Epheserbrief geht es auch Calvin nicht allein um die Erwählungsgewissheit des Einzelnen, sondern um Trost und Gewiss­heit für die bedrängte Gemeinde.

Nun könnte man den Erwählungsgedanken wie bei genügend religiösen Gemeinschaften und Sekten im Sinne eines übersteigerten Elitebewusstseins missverstehen. Wie Calvin allerdings einschärft, geht solches an der Aussage des Epheserbriefes vorbei gerade der Umstand unserer Erwählung erinnere daran, dass wir von uns aus überhaupt keine besonderen Qualitäten und Leistungen vorzuweisen haben. Wenn es heißt, wir seien dazu bestimmt, vor Gott makellos und heilig zu sein, dann ist nicht von der Ursache unserer Erwählung die Rede, sondern von ihrer Wirkung. Dazu gehört die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Durch ihn geht uns auf, dass wir in Christus von Gott angenommen und geliebt sind.

Was das Evangelium verkündigt, wird durch den Heiligen Geist besiegelt. Wie eine Urkunde erst durch das Siegel ihre Gültigkeit erlangt, so bedarf auch das Evangelium seiner Bestätigung. Taufe und Abendmahl haben keine magische Wirkung, sondern sind die sichtbaren Zeichen, mit denen uns die Wahrheit des Evan­geliums bekräftigt wird und durch die wir im Glauben bestärkt werden sollen.

Die häufig geäußerte Ansicht, die Prädestinationslehre sei die Zentrallehre Calvins, ist nachweislich falsch. Erst in Buch III der letzten Ausgabe seiner in vier Bücher gegliederten ,lnstitutio Christiane religionis (Unterricht in der christlichen Religion)' entwickelt der Genfer Reformator seine Erwählungslehre an eher untergeordneter Stelle (Kapitel 21-24). Dabei ist zwischen der Lehre von der Erwählung bzw. der göttlichen Vorbestimmung und der von der göttlichen Vorsehung, die Calvin in Inst I,16-18 behandelt, zu unterschei­den. Es ist aber bezeichnend, dass er die Prädestination von der Providenz trennt, ohne erstere der letzteren unterzuordnen.

Calvins Aussagen über die Tröstlichkeit und befreiende Wirkung des biblischen Erwählungsgedankens werden freilich durch die Überzeugung verdunkelt, es gebe mit Sicherheit Menschen, die Gott nicht erwählt, sondern auf ewig verdammt habe. Für Calvin ist dieses furchtbare „decretum horribile“ die unerbittliche logische Konsequenz des Erwählungsglaubens. Doch hat er selbst gewarnt: „Nichts ist gefährlicher, als den geheimen Ratschluss Gottes zu erforschen, um von daher die Kenntnis unserer Erwählung zu verschaffen. Das ist eben der Abgrund, der uns in den Untergang verschlingt.“

Aber es scheint, als seien Calvin und seine Schüler von diesem rechten Weg abgewichen. Von einer Zent­rallehre kann man wohl erst bei Calvins Nachfolger in Genf Theodor Beza (1519-1605) sprechen. Er vertritt eine „supralapsarische“ (vor dem Sündenfall) Lehre von der doppelten Prädestination. Der Schweizer Theologe Johannes Wolleb (1586-1629) entwickelt die Lehre vom syllogismus practicus, der durchaus gegen Calvins Intentionen! – aus dem irdischen Wohlergehen auf die persönliche Erwählung schließen will.

Die lutherische Orthodoxie hat die Lehre einer doppelten Prädestination, wonach einige Menschen von vornherein für die Verdammnis bestimmt sind, in der Wittenberger Konkordienformel von 1577 verworfen (FC, Epitome 11). „Die Prädestination aber oder ewige Wahl Gottes, gehet allein über die frommen wohlge­fälligen Kinder Gottes“ (FC ep. 11,4). „Solches ist nicht in dem heiligen Rat Gottes zu erforschen, sondern in dem Wort zu suchen, da sie auch geoffenbart worden ist“ (FC ep. 11,5). „Demnach glauben und halten wir: welche die Lehre von der gnädigen Wahl Gottes zum ewigen Leben also führen, dass sich die betrübten Christen derselben nicht trösten können, sondern dadurch zur Kleinmütigkeit oder Verzweiflung verursacht, oder die Unbußfertigen in ihrem Mutwillen gestärkt werden, dass solche Lehr nicht nach dem Wort und Wil­len Gottes, sondern nach der Vernunft und Anstiftung des leidigen Satans getrieben werde, weil alles, was geschrieben ist, wie der Apostel zeuget [Röm 15,4)], uns zur Lehre geschrieben ist, auf das wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben“ (FC ep. 1 1,Anthtesis oder negativa).

Calvin und der reformierten Tradition nach ihm ist offenbar entgangen, dass der Epheserbrief nur vom Gottes Erwählen, nicht aber auch von seinem Verdammen spricht. Und gegen die Vorstellung, Gott habe schon vor der Schöpfung Menschen dazu vorherbestimmt, wendet der reformierte Theologe Christian Link mit Recht ein: „Es kann, wie die Geschichte Sauls (1 Sam 15) demonstriert, niemand verworfen werden, der nicht zuvor erwählt worden ist.“ Im Epheserbrief steht nichts von der Verdammung von Menschen sondern dass Gott in Christus einzig sein Wohlgefallen für alle sichtbar gemacht hat und dass er in Christus alle Men­schen, ja das ganze All Himmel und Erde zusammenfassen und zusammenbringen will. Ob man daraus auf eine Allversöhnung schließen darf? Gewiss nicht im Sinne einer ebenso metaphysischen Spekulation, wie es die Lehre von der ewigen Verdammnis eines Teils der Menschheit ist.

1973 wurde von lutherischen und reformierten Kirchen die Leuenberger Konkordie unterzeichnet. Sie ist die Lehrgrundlage der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), der inzwischen 105 Kirchen der reformatorischen Tradition angehören Sie haben einander volle Kirchengemeinschaft erklärt und stellen fest, dass die innerevangelischen Lehrunterschiede, welche in der Reformationszeit das Abendmahl, die Christologie und die Prädestinationslehre betrafen, ihren kirchentrennenden Charakter verloren haben. Zur Prädestinationslehre erklärt die Konkordie:

  1. Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiss sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden.

  2. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, dass die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entschei­dung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluss Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzu­nehmen.

  3. Wo solche Übereinstimmung zwischen Kirchen besteht, betreffen die Verwerfungen der reformatori­schen Bekenntnisse nicht den Stand der Lehre dieser Kirchen.

Erschließt man den Sinn der Prädestinationslehre von ihrem Trostcharakter aus, so hat sie ein unaufgebbares Wahrheitsmoment. Durch jede metaphysische Spekulation wird diese Intention allerdings verdorben. Der reformierte Theologe Christian Link schreibt dazu: Die Prädestination „ist kein Präludium im Himmel, son­dern ein Drama auf Erden und kann daher nur aus der Perspektive der von ihr betroffenen Menschen, d. h. im Innenraum der ihren Glauben begründenden Geschichte sachgemäß beschrieben werden. Sie bringt den Grund der erfahrbaren Beziehung zwischen Gott und den Menschen auf einen begrifflichen Ausdruck, insbe­sondere die Erfahrung, dass kein Mensch von sich aus diese Beziehung stiften, geschweige denn für ihre Verlässlichkeit auf Dauer einstehen kann.“ Ist diese Aussage – denkt man an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von Lutherischem Weltbund und römisch-katholischer Kirche aus dem Jahr 1999 nicht auch ökumenisch gemeinsam verantwortbar?

 

 

Aus dem Gespräch:

 

 

Zur Frage, was Jesus zum Thema gesagt hat: Es gibt ja das Problem der Authentizität seiner überlieferten Aussagen – die Gerichtsreden sind wohl eher literarisch zu verstehen, aber wesentlicher ist die Predigt vom Gottesreich als Heilsbotschaft. Jesus vergibt Sünden und sieht den Satan wie einen Blitz vom Himmel fah­ren, also fallen ... Aufschlussreich ist die Bergpredigt dass nichts ohne Gottes Willen geschieht, ist ein Trostwort.

Auch dort, wo die Glaubensgewissheit fehlt, dürfen wir keine Verwerfung durch Gott annehmen. Selbst wenn sich Menschen fern von Gott fühlen, liebt er sie bedingungslos.

In der Wirkungsgeschichte der Prädestinationslehre ist eine gewisse Perversion eingetreten, vor allem durch die Puritaner. Man muss Calvin als Seelsorger für die Verzweifelten sehen!

Unser Freier Wille ist immer im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes zu sehen – er ist nur bedingt, auch wenn wir keineswegs nur Automaten sind. Doch sind wir vielfach geprägt und Bindungen ausgesetzt (Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“).

Auf die Frage, welchen Wert die Schrift habe, wenn sie so unterschiedlich ausgelegt werde: Es gibt eine Auslegungstradition und das Gespräch mit den Anderen. Viele Fragen, die wir haben, werden in der Bibel nicht beantwortet. Das „Sola scriptura“ lässt sich nicht auf einzelne Bibelstellen anwenden, sondern nur auf umfassendes und ständiges Lesen.

Zur Frage des Todes und des Gerichts: Evangelische Theologie – aber keineswegs sie allein – geht von einer Neuschöpfung des Menschen nach seinem irdischen Dasein aus. Wie bei Schleirmacher ist es für uns unvorstellbar, würden wir dort das ständige Schreien der zu ewigem Leid Verdammten hören hier stehen wir vor dem Geheimnis von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zugleich. Sicher ist, dass uns nichts vom Glauben abhalten darf – von einer „Allversöhnung“ ist in der Bibel nirgends die Rede.

 

 

Für das Protokoll: Herbert Kohlmaier