Tagesthema vom 21. März 2010

 

Thema:

Frauen in der Bibel"

 

Referentin:

MMagª. Dr. Andrea Taschl-Erber

 

Die Referentin studierte Philologie und Theologie und wurde 2006 mit dem Thema „Maria von Magdala - erste Apostolin?" zur Doktorin der Theologie promoviert. Ihre Forschungsarbeit wurde mit dem Förderpreis der Dr. Maria Schaumayer-Stiftung und dem Elisabeth Gössmann-Preis ausgezeichnet. Sie lehrt derzeit an den Katholisch-theologischen Fakultäten in Wien und Graz.

 

 

1. Jüngerinnen Jesu: Nachfolge und Diakonía von Frauen um Jesus (Mk 15,40f.; Lk 8,1-3)

 

Anhand der Markus-Stelle zeigt die Referentin auf, dass das im Urtext dort verwendete griechische Wort „diakoneín", eben nicht, wie z. B. die Einheitsübersetzung, aber auch die meisten anderen Übersetzungen nahelegen, die Bedeutung von „Dienen" im Sinn von "be-dienen" (der verkündigend tätigen Gruppe der Männer) hat. Wenn die Bezeichnung „diákonos" damals für Männer verwendet wurde, war sie die Bezeichnung einer Funktion, wie z. B. „Bote", „Abgesandter" oder „Beauftragter". Der Leser (oder auch Verfasser) eines Textes neigt jeweils dazu, die eigenen Vorstellungen und Rollenerwartungen in die Auslegung des Textes hineinzutragen. Das ist auch mit dem Rollenverständnis der Frau geschehen, das erst in unseren Tagen in einen entscheidenden Wandel gekommen ist. Für Markus sind die entscheidenden Merkmale der Jüngerschaft die Nachfolge (bis zum Kreuz), das Auferstehungszeugnis und die Verkündigung der Botschaft. Die Frauen um Jesus sind als in diese Jüngerschaft integriert zu sehen.

 

Bei Lukas ist eine Verschiebung von der radikalen Nachfolge zum „Dienen" zu bemerken („die sie entsprechend ihrem Vermögen unterstützten" [Lk 8,3b]). Vermögende „Häuser", in denen einflussreiche Frauen das Sagen haben, werden die Kristallisationspunkte der Gemeindebildung. Die betreffenden Frauen waren selbständige „Geschäftsfrauen".

 

2. Das Osterapostolat Marias von Magdala (Joh 20,1-18)

 

Maria von Magdala wird bei Markus, Lukas und Johannes immer an erster Stelle genannt, wenn die galiläische Frauengruppe ins Spiel kommt. Ihr „Hauptauftritt" ist am Ostermorgen. Die erste Osteroffenbarung ergeht an sie. Sie wird damit zur „ersten Apostolin".

 

3. Gemeindliche Praxis in den Paulusbriefen

 

Im ältesten Brief der Briefliteratur des NT, dem 1. Petrusbrief, werden keine Frauen genannt. In den Grußlisten der Paulusbriefe werden viele Frauen namentlich genannt und einige in ihren Funktionen beschrieben. Im 2. Jhdt. setzt die Diskussion um den Primat ein, wobei Petrus und Paulus in Konkurrenz zueinander stehen. Die Petruslinie setzt sich später durch, da sie in das damals vorherrschende Verständnis des Verhältnisses von Mann und Frau passte.

 

Paulus beruft sich als „Apostel" auf sein Erlebnis vor Damaskus und somit auf den direkten Auftrag des Herrn. Dadurch entstanden (in Korinth) mit jenen Christen Konflikte, die das Apostel-Sein damit verbanden, vom Anfang an dabei gewesen und Zeuge der Auferstehungserfahrung geworden zu sein. Paulus rechtfertigt sein Verständnis durch seinen Dienst (diákonos) in und an seinen Gemeinden.

 

Für seine Mitarbeiter verwendet Paulus (in den Grußlisten seiner Briefe) die Begriffe „Diákonos" und „synergós (Mitarbeiter). Auch für seine Frauen-Mitarbeiter. Bezeichnend ist, dass man den Frauennamen Junia (Röm 16,7) in späterer Zeit, in einen Männernamen „Junias" verändert hat (obwohl dieser Männername in der antiken Literatur nicht ein einziges Mal begegnet). Interessant ist auch, dass bei dem von Paulus genannten Ehepaar Priska und Aquila die Frau zuerst genannt wird, was offenbar mit ihrer Bedeutung als Mitarbeiterin zusammenhängt.

 

Die für uns heute als anstößig empfundenen Passagen in 1 Kor 11, die eine Abwertung der Frau durch Paulus (zu) enthalten (scheinen), sind aus der Wirkungsgeschichte des Textes zu erklären. Ebenso der betreffende Inhalt der sog. „Haustafeln" in 1 Tim 2,8-13.

 

 

Aus dem Gespräch:

 

Es wird gefragt, welcher Glaube gemeint ist, wenn es in der Ostererzählung bei Johannes heißt, dass „der andere Jünger" „sah und glaubte". Welcher Glaube war das? Und hat die ganze Erzählung mit der späteren Konkurrenz zwischen Petrus-Kirche und Johannes-Kirche zu tun? Die Referentin: Es war der Glaube an die Auferstehung, der Glaube an den „auferstandenen Gekreuzigten". Und zweifellos ist die Stelle im Zusammenhang mit den beiden genannten Glaubenswegen zu sehen. Zwar gilt das Interesse sowohl des Johannes- als auch des Lukas-Evangelium der christlichen Gemeinde. Nur ist die Struktur der Gemeinde, wie sie die beiden Evangelien jeweils im Auge haben, eine andere. Wie schon erwähnt, haben sich die auf Petrus und die „Zwölf" setzenden Gemeinden geschichtlich durchgesetzt. Wozu freilich gleich zu sagen ist, dass „die Zwölf" natürlich - zwölf Stämme bildeten das Gottesvolk des „Alten Bundes" - als Hinweis auf das „neue Volk Gottes" zu verstehen sind, sodass die Fragen, wer genau denn mit im Abendmahlsaal gewesen und wer denn wirklich ein Apostel gewesen sei, nicht auf Wesentliches zielen. Wenn das Lukasevangelium (in 8,3) „Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes" erwähnt, wird dadurch ein Interesse an der „Hof-Gesellschaft" deutlich gemacht. Und wenn es heißt, dass viele andere (Frauen) Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen unterstützten, dann muss darauf hingewiesen werden, dass dies eigentlich mit der Jesus-Nachfolge, wie Markus sie beschreibt, nicht recht zusammenstimmt. Nach Markus wendet sich die Botschaft gerade an die „Armen" und „kommt von unten".

 

Es wird darauf hingewiesen, dass die Anwesenheit der Frauen unter dem Kreuz für diese genauso gefährlich war wie für Männer. Die Referentin bestätigt das und erwähnt, dass die Römer sehr wohl auch Frauen gekreuzigt haben.

 

Im Hinblick auf die Szene unter dem Kreuz bei Johannes wird erwähnt, dass Prof. Kremer meinte, Maria sei damals gar nicht in Jerusalem gewesen. Und: In den Evangelien ist von „Brüdern und Schwestern" Jesu die Rede. Hatte Jesus Geschwister? Die Referentin: Das Gespräch unterm Kreuz ist sicherlich nicht wie geschildert abgelaufen. Bei Johannes ist Maria wichtiger als Petrus und es sind auch selten die Zwölf erwähnt. Es ist mehr die Gemeinde im Blick. Wann Maria später zur Jesus-Bewegung dazugekommen ist, wissen wir nicht. Im Markusevangelium kommt sie überhaupt nicht vor. Bezüglich „Brüder und Schwestern" Jesu gibt es bei evangelischen und katholischen Exegeten verschiedene Standpunkte. Auf evangelischer Seite wird die Bezeichnung verstanden, wie sie dasteht, katholische Exegeten nehmen die Redewendung als Sammelbegriff für Familie im Sinn von „Verwandte", näherhin Cousins und Cousinen. Die Jungfräulichkeit Mariens ist ein weit zurückreichendes Element unseres Glaubens, sein Verständnis eine Frage der Dogmatik.

 

Wer war Maria von Magdala wirklich? Eine gewisse Literatur bringt immer wieder ins Spiel, sie sei die Geliebte Jesu gewesen. Die Referentin: Die angesprochenen Literaten haben die Ergebnisse der exegetischen Forschung nicht auf ihrer Seite. Zunächst ist zu sagen, dass in der Bibel keinerlei Rollenvorurteile erkennbar sind. Man hat, wenn es um einen Mann und eine Frau ging, überhaupt nicht sofort die Frage nach ihrem Verhältnis als Geschlechtswesen gestellt. Maria stammt aus der Stadt Magdala und wurde daher als „Maria, die Magdalenerin" das ist „die aus Magdala", bezeichnet. Später ist diese Beifügung in der Gesellschaft zu einem eigenen Vornamen geworden: Magdalena. Maria aus Magdala hatte, wie die Texte zeigen, in der Jesus-Bewegung eine wichtige Rolle, die sich durch ihre Rolle als „Apostolin der Apostel", als erste Zeugin der Auferstehung, noch verstärkt hat.

 

Die Referentin hat ein Arbeitsblatt vorgelegt, das in zwei Spalten den Text der Einheitsübersetzung und den Text der „Bibel in gerechter Sprache" enthält. Wie steht es um diesen letzteren Übersetzungsversuch heute? Die Referentin: Es hat gegen diesen (ökumenischen) Versuch schon zu Beginn starke Widerstände von evangelischer Seite gegeben. Heute ist es um ihn eher still geworden, es wird aber von einer Arbeitsgruppe nach wie vor an Verbesserungen gearbeitet.

 

Gibt es einen biblischen Befund, dass die Priesterweihe von Frauen möglich wäre? Die Referentin: Nein. Denn Jesus hat überhaupt keine Priester „eingesetzt". Wohl aber hatten Frauen (in der im Referat beschriebenen Weise) in der Jesus-Bewegung eine wichtige Rolle und es gab eine große Vielfalt von Möglichkeiten, sich in kirchliches Tun einzubringen. Bei den Mahlfeiern (Feier der Eucharistie) hatten zweifellos Männer und/oder Frauen leitende Funktionen.

 

Es wird die Frage gestellt, wie man mit der verwirrenden Vielfalt, die in Referat und Gespräch zur Sprache gekommen ist, für die eigene Orientierung zurechtkommen soll? Die Referentin antwortet zunächst, dass die Vielfalt eigentlich noch größer als dargestellt wäre, wenn man die vielen Texte einbezöge, die damals ganz selbstverständlich in Liturgie und Katechese benützt wurden, aber im 4. Jhdt. nicht in die liturgische und theologische Praxis der Kirche einbezogenen Schriften (den „Kanon") hineingenommen wurden. An sich ist die angesprochene Vielfalt von Verständnis und Glaubenspraxis nicht verwunderlich, sondern hat damit zu tun, dass die Menschen Überkommenes immer im jeweils gegenwärtigen Lebens- und Verstehenshorizont zu lesen, auszulegen und für ihr eigenes Leben anzuwenden haben. Entscheidend ist, dass die Botschaft stets gleichbleibend ist: Die Botschaft vom auferstandenen Gekreuzigten, der Osterglaube, der die Menschen zum Miteinander in Gemeinschaft führt.

 

Abschließend spricht die Referentin noch kurz und zusammenfassend zum Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4). Es handelt sich um das längste Gespräch, das Jesus nach dem Bericht der Evangelien mit einer Frau geführt hat. Ein Gespräch von hochsymbolischer Bedeutung. Jesus macht die samaritanische Wasserträgerin zur Trägerin der Botschaft vom „lebendigen Wasser".

 

 

Für das Protokoll: Helene Artner und Hartwin Schmidtmayr