P r o t o k o l l

des Treffens des Lainzer Kreises

am

17.Oktober 2010

 

 

Anwesend: H. Artner, H. Blasche, S. Blümel, E. Bolognese, R. Clauss, R. Donner, R. Flor, T. Gams, H.P. Hurka, C. Jiresch, H. Kert,

P.Knezu, H. Köhler, E.u.H. Kohlmaier, S. Konvicka, J. Krammer. H. Landman, M. Lootens, C. Moser, G. Novak-Hiess,

A. Pant, U. Papies, T. Piesch, H. Schmidtmayr, G. Spenger, H. Stiegler, K. Turek, E. Wagner, U. Weber, H. Wöber, L. Wolf, J. Worm, F. Zmrzlikar

 

Entschuldigt: R. Brandner, C.u.W. Buzzi, H. Feichtlbauer, S. Henning, E. Kirchner, H. Lehner, E. Peschek, R. Pfleger, F. Pichler,

M. Stadlbauer, E. Strasser

 

Tour d'horizont"

- H. Landmann verweist auf die Buchpräsentation am Do, 25.11.2010 um 19 Uhr im Pfarrsaal der Pfarre Namen Jesu 1120, Darnautgasse 1: Christine Sommer: Schwaches Weib - starke Worte. Zeitlose Streitreden der Katharina von Alexandrien. Einführende Worte: Weihbischof Dr. Krätzl.

C. Jiresch berichtet über die Verabschiedung von Pfarrer Dr. J. Klinger: Kard. Schönborn würdigte die Arbeit von Pfarrer Klinger, bat aber über die Vergangenheit nicht zu sprechen. J.Klinger zu Freunden: „ Ich wurde „freiwilig" in Pension geschickt.". Nähere Informationen sind nicht zu erhalten.

H.Kohlmaier lädt ein zur Enquete „Zentralistische Bischofsernennungen - theologisch unhaltbare Willkür." Samstag, 27.11.2010 von 9 - 17 Uhr im Otto Mauer-Zentrum; 1010, Währingerstraße 2-4

 

 

Tagesthema:

 

Der Papst erstickt an seiner Macht.

Dem Papst würde ein Machtverlust Kraft bringen."

Referent: Mag. Wolfgang Bergmann

 

Der Ref. stellt zwei Zitate an den Beginn:

Witz über Bischof Krenn: B. Krenn gerät in einen Sumpf und beginnt langsam zu versinken. Dreimal kommt die Feuerwehr und will ihn retten. Jedesmal schickt er sie weg mit den Worten: „Ich vertraue auf meinen Herrn, der wird mich retten." Er geht unter, stirb und begibt sich sofort zu Gott Vater. "Ich habe auf dich vertraut und du hast mich nicht gerettet." Darauf entgegnet Gott Vater: „Ich habe dir doch dreimal die Feuerwehr geschickt."

Matthäus, Kapitel 4,7:Die Versuchung Jesu - Aufforderung sich vom Turm zu stürzen. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen."

Dazu später.

 

Kann man einen Papst schon nach fünf Jahren beurteilen? Ja, man kann. Schließlich brachten es die bisherigen 265 Päpste nur auf eine durchschnittliche Amtszeit von etwas mehr als sieben Jahren. Johannes XXIII. hatte nur 5 Jahre. In dieser Zeit hatte er die Kirche auf völlig neue Wege gebracht Auch Paul VI. und JP II. waren nach 5 Jahren im Wesentlichem festgelegt..

Die bisherige Amtszeit Benedikts ist eine der Pannen und Peinlichkeiten, wie Regensburger Rede (gegen den Islam), die Karfreitagsbitte (gegen das Judentum) und Williams-Holocaust-Leugner-Affäre. Die sind, bei mildester Beurteilung, durch grobe Ungeschicklichkeiten, unabsichtlich passiert. Das Schweigen zur (Mit-)Verantwortung des Vatikans und der Päpste bei den weltweiten Missbrauchsdelikten bleibt aus jeglichem Blickwinkel ein handfester Skandal.

Immer noch. Die bisherigen Stellungnahmen sind zu wenig. Der Brief an die Bischöfe Irlands beleuchtet weder die Rolle des Vatikans, noch der Päpste, noch seine eigene Rolle in München und in der Glaubenskongregation.

Dabei könnte man gerade von der Korrektheit eines deutschen Professors erwarten, dass er der erste ist, der von einer eigenen unabhängigen Kommission seine eigene Rolle untersucht haben möchte.

Wenn Umkehr und Busse zum genetischen Code dieser Kirche gehören, dann muss sie der Papst nicht vorpredigen, sondern vorleben.

 

Zurück zum Haupt-Faden:

Die Aneinanderreihung der Unzulänglichkeiten haben längst ein Ausmaß erreicht, das den obersten Kirchenmann in seiner vornehmsten Aufgabe behindert, nämlich Diener der Einheit zu sein. An der Basis führen sie zu einer Absetz- bzw. Austrittsbewegung, die bis in die Kernschichten der Gläubigen reicht.

 

Warum ist das so? Meine These: Nur zum Teil aus Versagen eines einzelnen Papstes. Vielmehr ist die historische gewachsene, heutige Form des Papsttums an das Ende seiner Lebensdauer gekommen. Das ist in der Kirchengeschichte nichts Neues. Nur der Vatikan tut so, als ob seit dem letzten Abendmahl immer schon alles genauso gewesen wäre wie heute. Das Gegenteil ist der Fall: So tummelten sich Päpste lange Zeit in weltlichen, politischen und kriegerischen Aufgaben, bis ihnen diese „Kompetenzen" im Lauf der Geschichte unsanft aus der Hand genommen wurden.

Freiwillig gaben sie das nicht ab.

Aber - dem Amt haben diese Machtverluste sehr gut getan.

 

Im gleichen Maß, wie sie die weltliche Macht abgaben, haben die Päpste aber kirchliche Macht akkumuliert ( schön gerafft dargestellt in Hans Küngs „ Kleiner Kirchengeschichte"). Heute ist der Papst oberster Personal-, Finanz- und Organisationschef, sowie oberster Richter der Kirche.

Wenn eines von 2.923 Bistümern zu besetzen ist, liegt das (mit Ausnahmen in homöopathischer Dosis) in der alleinigen Kompetenz des Papstes.

 

Der Papst allein kann (mit wenigen Ausnahmen) die Nachbesetzung vornehmen, wenn einer der 4.898 Bischöfe nach zu besetzen ist. Im Jahr 2008 waren das 169 Ernennungen durch den Papst. Also durchschnittlich alle 2 Tage. Wie lange wird er sich wohl mit der Ernennung beschäftigt haben? Hat er die Person überhaupt gekannt?

 

Aus Managementsicht lässt sich sagen: Kein Vorgesetzter kann verantwortungsvoll eine Bestellung einer Position alleine von der Papierform her vornehmen. Selbst wenn ein Heer von Beratern und Headhuntern mitgewirkt haben, ist es vielleicht besser zu würfeln, als nach den Papieren zu entscheiden.

 

Wenn 113 Bischofskonferenzen alle fünf Jahre zum ad-limina-Besuch nach Rom kommen, hat also im Schnitt jede 2. Woche ein ganzes Land anzutreten - und es sollte jeweils Richtungsweisendes besprochen werden.....

 

Wenn einer von 400.000 Priestern den Klerikerstand verlassen möchte, braucht er die päpstliche Zustimmung. Man sieht: Nicht überall, wo Papst darauf steht, kann auch Papst drinnen sein - auch er hat nur 24 Stunden.

 

Bisher habe ich nur vom obersten Personalchef gesprochen.

Wie steht es um den obersten Finanzchef, der noch über der Vatikanbank steht? Wie steht es um den Diplomaten als Staatschef? Wo ist noch Zeit für Theologie und Lehre?

 

Das ist eine Arroganz der Macht. Ein Amt so auszustatten, dass man es gar nicht alleine schaffen kann, ist vergleichbar der Versuchung Jesu , die wir am Anfang gehört haben.

 

Die Art und Weise der Amtsführung der Machtakkumulation ist im wirtschaftlichen Sinn fahrlässige Krida.

Im theologischen Sinn, ein Gott-auf-die-Probe-stellen.

 

Meine These: Wir erleben eine fundamentale Krise des Papsttums in seiner aktuellen Form.

 

 

Ist es nicht an der Zeit, festzustellen, dass das Konzept den Papst als alleinigen Lehrer, Gesetzgeber, höchsten Richter, ersten Seelsorger, obersten Dienstgeber und überhaupt generalbevollmächtigten, alleinigen Generaldirektor mit Alleinanspruch auf den Heiligen Geist zu definieren, so einfach nicht funktionieren kann? Und eben nachweislich auch nicht funktioniert.

 

Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade.

Paulus spricht von den verschiedenen Gaben der verschiedenen Menschen.( Röm 12,7 und 8; 1 Kor 12, 5 -11). Die kath. Kirche tut so, als wenn alle Gaben bei einer Person konzentriert sein müssen. Nirgendwo steht, dass einer alle hätte.

 

Die Theologie des Petrusamtes ist in Wahrheit nicht geschrieben:

- Die völlige Überbetonung einer einzelnen Bibelstelle, die noch nicht aussagt, ob Petrus mehr zugesagt ist, als den anderen Aposteln

- ob es eine Zusage der Person oder einem Amt ist

- dass Fels das Fundament bedeutet und nicht Spitze und Leitung

-wie steht es mit dem Petrus dem Verleugner Jesu?

- mit dem Petrus, dem Paulus im Angesicht widerstand?....

 

Auch aus Sicht von Kommunikation liegen gewaltige Mängel vor:

In der Moderne verschwimmen die Grenzen von öffentlich und privat, von außen und innen.

Ratzinger hat das 1982 schon beschrieben (Theolog.Prinzipienlehre, S. 249): ...dass man heute nicht mehr nach innen sprechen kann ohne nach außen gehört zu werden; das Missverständnis von außen kann aber auch leicht die Wirkung nach innen zerstören.

Es gilt als Vorteil, dass die Kath. Kirche ein Oberhaupt hat, dass Klartext sprechen kann. Gerade das geschieht aber in der Praxis nicht. Kaum hat der Papst gesprochen, braucht man Interpreten, was er genau gemeint hat.

Ich meine damit nicht das Papsttum infrage stellen, sondern jene Form zu finden, die die Kirche fördert. Eine ganz wichtige Aufgabe des Papstes wäre das Vorantreiben der Ökumene.

Es ist ein grundsätzliches theologisches Missverständnis wie der jetzige Passt und sein Vorgänger meinen, dass man auf die Ökumene warten muss, bis sie der Hl. Geist schenkt.

Die Ökumene ist zu tun! Wenn wir als getrennte Kirchen unglaubwürdig vor der Welt dastehen, wie können wir das dann noch weiter aushalten?

 

Wenn Glaube und Vernunft zusammengehen müssen- und das ist das große Thema des derzeitigen Papstes - darf es keine Strukturen geben, die unvernünftig sind. Die jetzige Machtakkumulation ist unvernünftig

 

Wie kann es weiter gehen?

Ein Machtverlust wäre ganz wichtig.

Aber Macht wird nie freiwillig abgegeben.

 

Es wird dem Wr. Kardinal nichts anderes übrig bleiben, als all sein diplomatisches Geschick zusammenzunehmen, um das dem Papst beizubringen. Unter den anderen 178 Kardinälen sollten sich Helfer finden.

Gelingt das jetzt nicht, wird eine Neubesinnung darauf, was das Papsttum eigentlich ausmacht, unsanfter nach noch größerem Schaden kommen.

Aufzuhalten ist sie nicht.

 

Es handelt sich hier nicht um ein Wortprotokoll oder um ein Manuskript, sondern um die wichtigsten Passagen eines freien Referates. Aufgrund des Umfanges des Protokolls kann die Niederschrift der anschließenden Diskussion nur auf der Homepage nachgelesen werden.

 

 

. f. d. Protokoll: Christof Jiresch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus der Diskussion:

 

- Teilen Sie meine Depression zur Situation der Kirche? Was können wir tun und warum tut sich die Institution Kirche mit Reformen so schwer?

REF: Ich teile sie auch, aber ich denke mir nur, dass es eine große Entlastung ist, wenn man weiß, es muss nicht sein und es muss nicht immer so bleiben. Wenn man auf dem Weg in der Wüste ist, weiß man noch nicht, ob und wann das gelobte Land erreicht wird und ob man dann noch unter denen ist, die das erreichen. Aber ich glaube, dass es diese Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit geben darf. Im Jahre 1988 war ich bei meinem Besuch in Ost- und Westberlin, damals hat sich noch kein Mensch vorstellen können, dass in einem Jahr der eiserne Vorhang fällt. Dieses gibt mir Trost: wir wissen nicht, wann es kommt; wir müssen das unsere tun und hoffen, dass der Rest dazu gegeben wird. Was mich aufrecht erhält, dass die Entwicklung dramatisch voranschreitet.

Was können wir tun? Das Gespräch mit dem Kardinal allein ist zu wenig, er wird uns im persönlichen Gespräch in allem Recht geben, weil er in sich ein gespaltener ist, im Kopf ein sehr breit angelegter Religionsphilosoph und im Herzen ein ganz enger Traditionalist.

Warum kommt die Institution selber so schwer heraus: Es gibt die Selbstinfektion - wenn man den Gang durch die Institution der Kirche geht - kommen am Schluss 120 monocolor gefärbte Kardinäle heraus; , das man überhaupt noch die Frage stellen kann, was kann den da an neuen Impulsen kommen. Ich war sehr irritiert und traurig über das letzte Konklave; nicht nur über das, was herausgekommen ist, sondern auch über die Geschwindigkeit. Man hätte sich ja auch erwarten können, dass die versammelten Kardinäle sich Zeit nehmen hätten können um eine inhaltliche Diskussion zu führe. Was sind unsere Herausforderungen, was sollten wir tun und wer von uns macht das? Diese Diskussion kann in dieser Eile gar nicht stattgefunden haben. In einem Zeitungsinterview meinte ein Kardinal vor dem Konklave:" Der Hl. Geist hat schon den Papst erwählt und wir müssen nur noch herausfinden, wer es ist."

Ich habe seither den Verdacht, sie haben es nicht herausgefunden.

 

- Wie erklären Sie sich die Veränderung der Person Ratzinger?

REF: Wenn man den frühen Ratzinger liest, findet man natürlich viele Dinge, die er viel breiter angelegt hat. Er kratzt aber bei allen Dingen im letzten Moment die Kurve. Er hat viel Dinge angesprochen und eine Weite aufgemacht, aber am Ende war er immer sehr eng. Das was sich jetzt geändert hat ist nur, dass er jetzt die breite Einleitung weglässt.

 

- Der letzte Referent hat eine andere Konsequenz gezogen und hat gesagt, die Kirche in dieser Form wird sterben. Ich kann ihre Hoffnung am Beispiel der DDR nicht teilen, da das Konklave den Papst bestimmt und der hat 25 Jahre Zeit, Kardinäle auszuwählen. Das ist eine ganz andere Situation als im politischen Bereich.

REF: Unterschiedliche Meinungen muss man nebeneinander stehen lassen.

 

- Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Ratzinger 1980 Fälle von Missbrauch kannte und nicht unternommen hat.

REF: Trotz der kurzen Zeit als Erzbischof von München ist es gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass er in dieser Zeit nur mit dem einen Fall, der kolportiert wurde, befasst war. Und wenn dann der Generalvikar die Verantwortung übernimmt und sagt, dass er das alleine entschieden hat, dann weiß jeder, der eine Diözese von innen kennt, dass das das gegen alle Wahrscheinlichkeit und Usancen ist. Und wenn es letztlich doch so gewesen wäre, dann muss man sagen, dass er das Amt des Bischofs nicht so ausgefüllt hat, wie es eigentlich gefordert ist.

Bei diesem schwierigen Thema Missbrauch muss man natürlich schon sehen, dass man in den 50 und 60er Jahren nicht die Tragweite dieser Krankheit Pädophilie erkannt hat und vielleicht ein Bischof einem Priester, der gesagt hat, ich tu es nie wieder, auch geglaubt hat; so wie man lange Zeit einem Alkoholkranken auch geglaubt hat, das er ohne Therapie nichts mehr trinken wird. Aus heutiger Sicht muss man aber sagen, wir alle haben damals versagt, und das Problem nicht richtig gehandhabt. Und das hat Ratzinger bis heute aber nicht ausgesprochen.

 

- Ich habe erlebt, dass Kardinal König meinen krebskranken Pfarrer besucht und gesagt hat, das Konzil ist gut vorbei, Die Krise wird in einigen Jahren kommen; jedes Konzil braucht mehrere Jahre um aufgearbeitet zu sein. Und ich hoffe, dass es nicht sehr viel Negatives geben wird und dass wir nicht viele Menschen verlieren werden. Es ist notwendig, dass wir diese Zeit durchstehen. Der Rest wird gut durchkommen.

REF: Bei großen Institution ist es so, dass es Rhythmen - ein Vorbreschen und Irritieren -auch bei Reformen gibt; wir können heute nicht mehr in so großen Zeiträumen denken und arbeiten. Die Zeit ist einfach schnelllebiger geworden. Und wenn in Rom gesagt wird, was wollt ihr mit der Idee eines neuen Konzils; das letzte ist doch erst ein halbes Jahrhundert her, dann kann man nur sagen, liebe Freunde, wahrscheinlich bräuchten wir schneller ein neues Konzil, als euch lieb ist. Die etablierte Spitze hat ja selten die Konzilien gewollt.

 

- Was könnte man tun? Ich denke dass ein Buch über diese Thematik den Weg dafür bereiten würde. Gibt es so etwas, haben Sie je darüber nachgedacht, darüber ein Buch zu schreiben?

REF: Nein, noch nicht. Mein Buch, das ich geschrieben habe, ist kein Sachbuch, es ist zwangsläufig, weil es sich mit Kirche beschäftigt, ein Krimi geworden. Das zweite Buch, das ich in Arbeit habe, wird auch ein Roman. Aber denke darüber nach.

 

- Der Vergleich mit der DDR war für mich tröstlich. Nur ist in der DDR jetzt die oberste Schicht weg (der Vatikan) aber das Volk, das Christentum hat überlebt.

Da ein neues Buch vom Papst im März herauskommt, frage ich mich, wie macht er das? Es wäre höchst aufschlussreich zu untersuchen, wer wirklich die Funktion des Papstes ausübt.

Ich frage uns einmal, warum reden wir immer noch von der Macht des Papstes; sie wird jeden Tag kleiner, weil immer mehr Leute aus der Kirche austreten, oder sagen, ich scher mich nicht darum, was der Papst sagt. Ist da überhaupt noch Macht? Können wir alle nicht einmal umdenken, wir haben alle noch ein Obrigkeitsdenken.

Die Macht des Papstes sollte eigentlich eine spirituelle sein. Wie geht man unnötigen und unfähigen Menschen um? Es wäre ein großer Nutzen, wenn wir sagen würden, mit euch wollen wir nichts zu tun haben. Wir machen uns die Kirche selber. Es ist der einzige Ausweg. Viele Gemeinden und Geistliche gestalten bereits das Pfarrleben ganz anders, als es erwünscht wäre. Es liegt an uns. In unseren Herzen bilden wir die Kirche. Der Titel „Wir sind Kirche" ist die einzige wirklich wahre Aussage. Es müsste uns dieses Umdenken gelingen.

REF: Ich stimme zu, dass das Hauptdrama darin liegt, dass die Spiritualität, das wofür die Kirche wirksam werden sollte, verloren geht, über Struktur- und Machtfragen. Früher waren es die weltpolitischen Machtfragen und jetzt sind es die internen, die letztlich den Blick auf Gott verstellen. Aber es sind tatsächliche Machtpositionen, die mit Infrastruktur, Kirchenbeitrag, Pfarre, Gebäude, zusammenhängen. Und es kann zu einem Punkt kommen, dass es vorübergehend in eine Art Anarchie umschlägt. Der Weg dorthin ist schon weit fortgeschritten. Wir brauchen nur darauf zu schauen, was sich in den letzten 50 Jahren an Bewusstsein und Haltung innerhalb der Gläubigen getan hat; aber die strukturelle Überbau ist gleich geblieben. Es brodelt ziemlich, es kann nur keiner sagen, wohin sich das entlädt und ob es einen gesteuerten oder einen eruptiven Übergang geben wird. Im Moment deutet alles auf einen eruptiven.

 

- Ich bin ein überzeugter Katholik (katholisch = über die ganze Erde). Katholisch muss alle Menschen betreffen. Nun ist es bei den Menschen so, dass sie als Individuum und als Gemeinschaft religiös gesehen, notwendigerweise eine Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen durchmachen. Die erwachsene Religiosität ist eine selbstständige, reif gewordene Identität, die aus eigener Verantwortung stammt. Die Kirche muss darauf Rücksicht nehmen, dass die allermeisten Menschen, religiös gesehen, im kindlichen Alter stecken. Es braucht eine lange Entwicklung zum religiös erwachsenen Menschen. Kindliche Religiosität braucht immer Autorität. Und deshalb war es in der Kirche immer schon so, dass Personen da waren, die Autorität gehabt haben und Autorität haben mussten und die darauf Acht geben mussten, dass in den konkreten Gemeinde nichts aus dem Ruder läuft. Daher gibt es seit den ältesten Zeiten in der Kirche das Amt. Das ist nicht etwas, was unrechtmäßig im Lauf der Geschichte gewachsen ist, sondern das gehört zur Kirche dazu. Die Kirche ist in der letzten Zeit in eine Sackgasse geraten. Man wird aus dieser Sackgasse nur dann herauskommen, wenn man sich nicht wünscht, dass dieser Kopf oben abgeschnitten wird und endlich verschwindet, sondern nur wenn man im Dialog und im Gespräch mit den Verantwortlichen in der Kirche, immer wieder neue Wege sucht. Das zu tun ist katholisch. Und das zu tun, möchte ich sie alle auch geradezu beschwören.

REF: Ich kann dem inhaltlich zustimmen; ich habe immer davon gesprochen, dass es darum geht das Papsttum so zu definieren, dass es dem Dienst der Einheit erfüllen kann. Die Schwierigkeit die ganz praktisch entstehen wird, ohne das man sich das wünscht, ist, dass wenn eine Leitung nicht auf den Dialog einsteigt, ihn immer wieder hintan hält, irgendwann der Punkt eintritt, wo es zu unkontrollierten Entladungen kommt. Und diese Gefahr ist noch nie so groß gewesen wie heute. Das Problem ist, was passiert, wenn ein Partner nicht einsieht, dass es Veränderung geben muss.

 

- Die Jungen haben den Zugang zur Kirche aus intellektuellen Gründen bereist verloren und ich glaube, dass meine Generation nicht reif ist, dass sie sich gegen das Diktat der Obrigkeit stellt. Ich glaube, dass meine Generation so indoktriniert ist, dass sie es mehr oder weniger nicht mehr zusammen bringen wird.

 

REF: Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass die Erregung und die Irritation quer durch alle Altersstufen und -schichten geht; und dass auch die, denen nichts anderes am Herzen liegt, als der Kirche ganz treu zu sein, irgendwann zu dem Schluss kommen, dass die Treue zur Kirche auch manchmal eines Aufstandes bedarf.

 

- Zwei „Gleichnisse": Ich habe in einer großen internationalen Firma gearbeitet und war in einem Team von ca. 12 MA. Wir waren mit unserem Manager nicht besonders zufrieden. Wir haben ihn nicht gesagt, dass wir ihn nicht haben wollen, sondern wir haben ihn „nicht einmal ignoriert". Wir haben ihn von jeglicher Information abgeschnitten. Er wurde ausgehungert und konnte seinem Vorgesetzten nichts mehr Vernünftiges berichten und ist so einen anderen Weg gegangen.

Zur Zeit des Mauerfalles war ich auf einem firmeninternen Seminar in Brüssel mit Mitarbeitern aus 30 verschiedenen Ländern. Da wir von der Außenwelt relativ abgeschnitten waren, habe ich täglich in der Früh Nachrichten gebracht und konnte am Tag des Mauerfalls, sehr berührt, darüber berichten.

Alle Angehörigen nicht deutscher Länder haben unseren deutschen Kollegen gratuliert und waren freudig erregt; unsere deutschen Kollegen waren wie gelähmt und konnten mit der Nachricht nichts anfangen, denn sie haben offenbar in der Meinung gelebt, dass das nie geschehen wird.

 

- Wir sollten nicht nur beten, sondern etwas tun, bzw. die Leute etwas tun lassen auch wenn einmal ein Fehler passiert.

 

- Ich möchte sagen, dass ich durchaus Hoffnung habe für die Kirche, nur wird sie ein ganz anderes Gesicht bekommen. Ich gebe schon zu, dass es manchmal so aussieht, dass die Obrigkeit in Form des Wr. Kardinals gar nicht dialogfähig wäre. Das ist aber in Wirklichkeit aber nicht der Fall und er hat sich in letzter Zeit sehr geändert und vieles eingesehen. Wir sollten daher nicht aufhören diesen Dialog zu führen. Ich glaube, dass bei uns die Kirche in den kleinen Gemeinden überleben wird, die bewusst aus dem Glauben heraus leben und den Kontakt untereinander halten. Und dazu braucht es die bischöfliche Struktur. Ich glaube, dass dann die Kirche auch eine ausstrahlende Kraft in die Gesellschaft hinein haben wird, wenn sich als diakonische Gemeinschaft sieht d.h. wenn sie die Nöte der Gesellschaft sieht und sich dort einsetzt ohne den Hintergedanken, dass einem das selber was nützt. Ich glaube, dass sich auch manches ändern wird, was mich sehr schmerzen wird ( Säkularisierung kirchlicher Gebäude). Die Kirche hat immer wieder schwere Zeiten überlebt.

 

- Ich möchte nicht der Anarchie das Wort reden und ich weiß auch, dass die Kirche ihre Autorität braucht, nur hat sie jetzt leider keine. Wenn ich sage, dass wir diesen Menschen entgegentreten müssen, und wir sagen, so wie ihr dieses Amt ausübt, habt ihr keine Bedeutung mehr, so ist das nicht ein Infragestellen einer kirchlichen Autorität. In der DDR ist ja auch nicht die Anarchie ausgebrochen, sondern die Diktatur wurde durch eine demokratische Struktur abgelöst.

 

REF: Ich möchte die Dinge in der Schlussrunde nebeneinander stehen lassen, da sie ja nur unterschiedliche Blickwinkel ergeben. Ich möchte bei dem Bild von den Kindern und Erwachsenen in der Kirche anknüpfen: Das Schwierige für die soziologische Wirklichkeit der Kirche als Institution ergibt sich, wenn dann viele erwachsen geworden sind. Dass dann die, die gewohnt sind, Kinder zu betreuen, es akzeptieren müssen, dass Menschen in Eigenverantwortung einen Weg gehen. Das ist vielleicht eine spannende Herausforderung, die vielleicht auch die eine oder andere Tür zur Ökumene öffnen wird. Vielleicht bietet uns das auch einen Ausweg, darüber nach zu denken, wie eigentlich eine Kirche zusammenlebt und zusammen wirkt, wenn es eine Kirche ist, wo es auch sehr, sehr viele Erwachsene gibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nächster Termin:

 

Sonntag, 14. November 2010, 15:00 - 17:00 Uhr:

Kardinal-König-Haus, 1130 Wien, Kardinal-König-Platz 3

(Lainzer Straße 138)

 

Unseren Glauben heute zeitgemäß leben und verkünden

 

Referent: Rogers Lenaers

 

 

 

 

 

 

Kontaktadressen für den Lainzer Kreis:

Heidelies Lehner, A-1140 Wien, Penzingerstr. 29-31/1/1/8, (Tel. 01 89 44 072)

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