Die Geschichte des LAINZER KREISES

 

In der Aufbruchstimmung nach dem Konzil und der Wiener Diözesansynode entstanden in der Erzdiözese Wien etliche Priesterkreise. Um ihre Arbeit zu koordinieren, wurde Mitte der 60er-Jahre eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die sich bemühte, eine gediegene modernen Theologie in der Seelsorge umzusetzen, Angst und Misstrauen in der Kirche abzubauen und eine Atmosphäre des gegenseitigen Verstehens und Vertrauens zu schaffen. Als es im Laufe der Zeit zum Zerbröckeln der Priesterkreise kam, führten die engagiertesten Priester diese Arge 1972 in den LAINZER KREIS über und öffneten ihn auch für Laien. Die Teilnehmer setzten sich zum Ziel, „im Glauben an die Führung des Herrn die als notwendig erkannten Änderungen in der Pastoral und im praktischen religiösen Leben zu verwirklichen". „Es gab ja so viel zu besprechen" meint Pfr. Landman, der selbst nach Pfr. Schinner und Pfr. Hofer 10 Jahre lang den LAINZER KREIS leitete.

 

 

Nachdenker und Vordenker

 

Viele Anregungen und Thesen des LAINZER KREISES sind bereits Wirklichkeit geworden, z. B. in der Firmpastoral die Hinaufsetzung des Firmalters, Firmspendung in der Gemeinde an Stelle von Massenspendungen; neue Gemeindemodelle; Einsatz von Laientheologen in Pfarren (Pastoralassistenten) etc. Manches wurde eingeführt und wieder gestoppt wie Änderungen des Zeitpunktes der Erstbeichte, Laienpredigten, ein Religionsunterricht, der Fragen des Lebens beantwortet und nicht nur Wissen vermittelt, etc. Anderes ist Zukunftsmusik geblieben wie z. B. das schon zur Amtszeit Kardinal Königs geforderte Mitspracherecht von Priestern und Laien bei künftigen Bischofsernennungen.

 

 

Rufer in der Wüste

 

Wichtige Impulse kamen auch von dem bekannten Theologen Prof. Klostermann, der in den 70er-Jahren regelmäßig am LAINZER KREIS teilnahm: So meinte er etwa zum Kirchenbeitrag, man müsse die Leute informieren und motivieren, hingegen sei es pastoral unmöglich, vor Gericht zu gehen; schon ein Jahr nach dem Amtsantritt von Papst Johannes Paul II., befürchtete  er, „für den Papst ist die Zeit des ‚nachkonziliaren Experimentierens' beendet. Seine Vision sei eine zentralistisch geleitete, geschlossene und militante Kirche." Anlässlich eines Colloquiums Europäischer Pfarrgemeinden plädierte er für eine neue Sprache der Theologen, „so dass die Kirche tatsächlich die Sprache des Volkes spricht und so viel volksnäher wird." Nach einem Besuch der Basisgemeinden in Südamerika prophezeite er die „Kirche von morgen" als eine, die nicht mehr gespalten ist in oben und unten, in Klerus und Laien, in der Ämter und Charismen nicht trennen, sondern miteinander den „einen Leib" aufbauen.

 

Offene Briefe und Stellungnahmen

 

Wie ein Seismograph meldet sich der LAINZER KREIS immer dann zu Wort, wenn es in der Kirche bebt. So appellierte er beim Entzug der Lehrbefugnis von Prof. Hans Küng (1980) an beide Seiten, im Geist der Brüderlichkeit ein gemeinsames Verständnis der einen Wahrheit zu suchen. Im Zusammenhang mit dem Jahresthema „Geistliche Berufe" stellte er bereits damals fest: „Man muss geistliche Berufe dort suchen, wo sie zu finden sind, auch wenn sie nicht in die bestehenden Strukturen passen... Gottes Wirken hier einengen zu wollen und ihn dann um Hilfe zu bitten, scheint uns vermessen zu sein." Zum Katholikentag 1983 verfasste er einen Brief an den Papst, in dem er u. a. für eine Änderung der Zulassungskriterien zum geistlichen Amt, Zulassung wieder verheirateter Geschiedener zu den Sakramenten und eine Verbesserung der ökumenischen Beziehungen eintrat.

Heftige Kritik übte der LAINZER KREIS an den Lineamenta der Bischofssynode 1987 und dem darin vertretenen Bild einer Zweiklassenkirche, als ob sie aus einem Offizierskader (Klerus) und aus Frontsoldaten (Laien) bestünde.

Als es 1991 zu einer öffentlichen Zölibatsdiskussion in den Medien kommt, solidarisiert sich der LAINZER KREIS mit den Priestern, die ihrer Gewissensentscheidung wegen aus dem Priesteramt ausscheiden mussten, und protestiert gegen ihre Bezeichnung als „untreue" oder gar „abgefallene" Priester. Er fordert einen angemessenen Umgang mit den Problemen, die sich aus dem Zölibatsgesetz ergeben, oder besser noch eine Entkoppelung von Priesteramt und Verpflichtung zur Ehelosigkeit.

Seine Bestürzung über die Absetzung des Bischofs Gaillot bringt der LAINZER KREIS nun unter der Federführung von Pfr. Lootens mit einem Schreiben an den Nuntius zum Ausdruck und wünscht sich eine geschwisterliche Kirche, in der weniger Macht und mehr Liebe erfahrbar wird.

 

 

 

Resignation und neuer Aufschwung

 

Auf Grund der restaurativen Entwicklung in der Kirche kommt es im LAINZER KREIS zu Ermüdungserscheinungen und Resignation. Man fragt sich nach der Existenzberechtigung, „wenn nichts mehr geht".

Doch dann bringt das Kirchen-Volksbegehren neue Hoffnung. Man beschließt ein gemeinsames Agieren mit anderen Gruppen (Plattform „Wir sind Kirche", Forum der Basisgemeinden), die Reformen in der Kirche anstreben.

Dr. Hartwin Schmidtmayr, einer der Priester, die von Anfang an dabei waren, initiierte 1996 einen Dialogprozess zum Themenbereich Sexualmoral, der in einem Studientag gipfelte und in dem das konkrete Leben vieler Gläubigen in sehr offener und lebendiger Weise zur Sprache kam.

Das Hauptthema des Jahres 1997 war „Macht und Kirche - Geschwisterliche Kirche", wobei die Überlegungen auch in den 2. Herdenbrief der Plattform „Wir sind Kirche" einflossen. 1998 standen die Vorbereitungen zum „Dialog für Österreich" im Vordergrund, zu dem der LAINZER KREIS ganz klare Positionen bezüglich Vorgangsweise, Durchführung und inhaltliche Schwerpunktsetzungen bezog und sie mit rund 600 Unterschriften an das Dialog-Büro weiterleitete.

Berichte aus erster Hand von Frau Dr. Struppe und einer weiteren Delegierten vom „Dialog für Österreich" standen danach beim LAINZER KREIS am Programm. In der nachfolgenden Diskussion herrschte Genugtuung, dass viele Themen, die früher als Randthemen abgekanzelt worden sind, in einem offenen und fairen Dialog deutliche Voten erhalten hatten. Außerdem wurde von den Teilnehmern des LAINZER KREISES der dringende Wunsch ausgesprochen, dass diese „Salzburger Dialogkultur", in der auf der menschlichen Ebene unglaublich viel Positives geschehen ist, auch auf Diözesanebene fortgesetzt werden möge.

Besondere Anliegen des LAINZER KREISES für die Zukunft sind die Probleme, Nöte und Ängste des heutigen Menschen, seine Werte und seine Orientierung sowie die Frage nach der Bedeutung Gottes in und für unsere Gesellschaft.

Heute umfasst der LAINZER KREIS 40 bis 50 Teilnehmer und darüber hinaus rund 200 Interessenten, die die Protokolle bekommen. Und obwohl er seine Struktur geändert hat (- nur mehr rund ein Siebentel der Teilnehmer sind Priester und mehr als die Hälfte sind Frauen -), ist der LAINZER KREIS das geblieben, was er immer war, eine bleibende Hoffnung für alle, die die Kirche lieben, sich aber im Geiste des Konzils Glaube und Kritikfähigkeit zugleich bewahrt haben.

 

 

Christine Sommer