Protokoll

des Treffens des Lainzer Kreises

am

20. Februar 2011

 

 

 

Tagesthema:

 

Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut!"

Referent: Mag. Martin Schenk, Diakonie Österreich

 

Vor dem Referat stellt der Referent kurz die Diakonie Österreich und deren Arbeitsschwerpunkte vor.

 

  1. Verwirklichungschancen und Freiheit

Armut ist relativ und steht stets im Verhältnis zur den jeweiligen Lebenshaltungskosten bzw. der Lebenssituation. Für jede Gesellschaft gilt: Arme haben die schlechtesten Jobs, die geringsten Einkommen, die kleinsten und feuchtesten Wohnungen, sie wohnen in den schlechtesten Vierteln, gehen in die am schlechtesten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten - außer beim Tod, der ereilt sie um durchschnittlich sieben Jahre früher als Angehöriger der höchsten Einkommensschicht.

 

Mangel an Möglichkeiten - Verwirklichungschancen

Armut ist eine existenzielle Form von Freiheitsverlust. Sie kann sich zeigen in der Unfreiheit, aus einer schlechten Wohnung wegziehen zu können, sich ohne Scham in der Öffentlichkeit zu zeigen, Zeit für Erholung zu haben. Die sogenannte Managerkrankheit mit Bluthochdruck und Infarktrisiko tritt bei Armen dreimal so häufig auf wie bei den Managern selbst, denn diese können dem Stress entkommen durch Ausgleich wie Reisen, Kultur, Sport, etc.

 

Eine Liberalisierung, welche die Wahlmöglichkeiten und Freiheitschancen der Einkommensschwächsten einschränkt, beschränkt deren Möglichkeiten. Soziale Gerechtigkeit hat immer auch nach den "Verwirklichungschancen" der Ärmsten zu fragen. Diese aber hängen neben materiellen Gütern auch von infrastrukturellen Faktoren ab: von einer guten Schule, welche den sozialen Aufstieg ermöglichen kann, von Kinderbetreuung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von Gesundheitsdienstleistungen, von therapeutischen Hilfen und von Vielem mehr. Auch Investition in die Fähigkeiten von Menschen ist wichtig, auch von solchen mit besonderen Bedürfnissen. Freiheit wird von drei Faktoren bestimmt: Von Gütern, Möglichkeiten und Fähigkeiten.

 

Aber auch alle gute Ausbildung nützt nichts, wenn es keine Berufsstellen gibt oder wenn bestimmten Bevölkerungsgruppen der Zugang zu den Gütern des Lebens verwehrt wird.

 

2. Lebens-Mittel: Die Stärk(ung)en der Schwachen

 

Neben essbaren Lebensmitteln gibt es auch solche, die wir nicht zum Essen, wohl aber zum Leben brauchen. Benachteiligte Menschen sind besonders auf letztere angewiesen. Die Resilienzforschung beschäftigt sich damit, was Menschen in schwierigen und belastenden Situationen „widerstandsfähig" macht, und sie hat eine Reihe von stärkenden Faktoren ermittelt. Vor allem Freundschaft, soziale Netze, tragfähige Beziehungen stärken; Einsamkeit und Isolation hingegen schwächen. Viele Armutsbetroffene leben wesentlich öfter allein, haben seltener Kontakte außerhalb des Haushaltes und können deutlich weniger auf ein tragfähiges Unterstützungsnetzwerk zurückgreifen.

 

Selbstwirksamkeit ist ein weiterer stärkender Faktor: das Steuerrad für mein das eigene Leben in Händen halten zu können; Ohnmacht hingegen schwächt und lässt fragen: „Kann ich selbst noch irgendetwas bewirken, macht mein Handeln überhaupt einen Sinn?" Die Erfahrung schwindender Selbstwirksamkeit des eigenen Tuns macht krank. Teilhabe Chancen und Handlungsspielräume stärken die Widerstandskräfte. So geht es in der Bekämpfung von Ausgrenzung immer um die Erhöhung der „Verwirklichungschancen" Benachteiligter.

 

Ein dritter stärkender Faktor ist Anerkennung und Respekt; Beschämung hingegen schwächt und wirkt wie Gift. Armutsbetroffene erleben das regelmäßig: Anstrengung ohne Resultat, das Leben am Rand bringt keine „Belohnung", keine ausreichendem Geldmittel, keine Anerkennung, Unterstützung und sozialen Aufstieg, eher das Gegenteil: Der aktuelle Status droht stets verloren zu gehen. Dieser negative Stress wirkt besonders bei Menschen in unteren Rängen, die nichts verdienen und nichts zu reden haben.

 

Wer sozial Benachteiligte zu Sündenböcken erklärt, wer Leute am Sozialamt bloß stellt, wer Zwangsinstrumente gegen Arbeitssuchende einsetzt, wer mit erobernder Fürsorge Hilfesuchende entmündigt, der vergiftet diese „Lebensmittel". Armutsbetroffene müssen viel zu oft Situationen der Einsamkeit, der Ohnmacht und der Beschämung erleben. Wer aus der Armut helfen will, muss Menschen stärken: mit den Lebens-Mitteln, die man nicht essen kann: mit Freundschaft, Selbstwirksamkeit und Anerkennung.

 

Bedauerliche Tatsache bleibt die ungleiche Verteilung sozialer Anerkennung. Sie wird für Arme zu einem knappen Gut, verteilt nach dem sozialen Status und der sozialen Hierarchie in einer Gesellschaft. Es sind nicht nur die Belastungen sozial ungleich verteilt, sondern auch die Ressourcen, sie zu bewältigen.

 

3. Wachsende Einkommensungleichheit (OECD)

 

Anhand von Grafiken zeigt der Referent für die OECD Länder auf,

 

  • dass Studien für die ersten Hälfte der 2000er Jahre einen OECD-weiten Trend zu mehr Ungleichheit und Armut auf der Basis von Haushaltseinkommen beweisen, und das vor dem Hintergrund zumeist steigender Wachstumsraten und bei steigenden Beschäftigungsraten.

 

  • die unterschiedlichen Verschiebungen bei den unteren 20%, den mittleren 60% und den obersten 20% Einkommen in den Jahren 1985 - 2005 und

 

  • die Beschäftigungs- und Armutsraten, wobei höhere Beschäftigungsraten zwar gegen Armut helfen, aber nicht automatisch, wenn es sich um schlechte Stellen und einen großen Niedriglohnsektor handelt. Im Gegensatz dazu reduziert Sozialtransfer Armut stark. Es zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen Höhe der Sozialtransferquoten und der Armutsverringerung.

 

  • den Zusammenhang zwischen Sozialleistungen und Armutsraten: Soziale Dienstleistungen reduzieren die soziale Ungleichheit um fast ein Viertel. Grundsätzlich helfen Einkommensarmen Investitionen in Dienstleistungen, die sie im Alltag unterstützen: Gesundheit, Wohnen, Bildung, Kinderbetreuung Beratungsstellen, Pflegehilfen. Hier entstehen „win-win" Situationen zwischen Fraueneinkommen, Arbeitsplätzen, Frühförderung von Kindern und Pflegeentlastung Angehöriger. Auch ein Bildungssystem hilft, welches den sozialen Aufstieg fördert und nicht sozial aussondert.

 

  • Effekte öffentlicher Dienstleistungen (und indirekter Steuern) auf die Einkommensungleichheit.

 

4. Soziale Investitionen zahlen sich aus. Für alle.

 

Die soziale Ungleichheit wird in und nach Wirtschaftskrisen größer, wie der britische Sozialwissenschafter Tony Atkinson anhand von vierzig Wirtschaftskrisen beobachtet hat. Der World Wealth Report berichtet bereits wieder von einem Anstieg des Reichtums der Reichsten um 1%, bei gleichzeitiger steigender Armut und Arbeitslosigkeit.

 

Armut schadet (fast) allen

 

Wer sozialer Polarisierung mit all ihren negativen Folgen für die ganze Gesellschaft gegensteuern will, muss nicht nur für die Stabilisierung des Finanz- und Bankensektors eintreten, sondern auch für die Stabilisierung des sozialen Ausgleichs. Mehr soziale Ungleichheit heißt mehr Krankheiten und geringere Lebenserwartung, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr Status-Stress, weniger Vertrauen, mehr Schulabbrecher, vollere Gefängnisse, mehr Gewalt und mehr soziale Ghettos. Mehr soziale Probleme verursachen auch volkswirtschaftliche Kosten. Eine höhere Schulabbrecher-Quote beispielsweise bringt (für Österreich) durch steigende Sozialausgaben, höhere Gesundheitskosten und entgangene Steuereinnahmen Kosten von 3 Milliarden Euro bei 10.000 „Abbrechern".

 

Eine sozial polarisierte Gesellschaft bringt Nachteile für die Ärmsten, aber auch für die Mitte. Das beweisen Studien. Im internationalen Vergleich von Marktwirtschaften schneiden die skandinavische Länder sehr gut ab, Großbritannien, Portugal und USA sind  abgeschlagen am Schluss. Deutschland und Österreich liegen vorne aber nicht an Spitzenplätzen.

Gesellschaften mit größeren Ungleichheiten in Einkommen, Arbeit und Wohnen weisen einen schlechteren gesundheitlichen Gesamtzustand auf als solche mit ausgewogener Verteilung von Einkommen und Lebenschancen. In den ärmeren Teilen der Erde ist mit höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf eine höhere Lebenserwartung verbunden. In den reichen Ländern ist ein derartiger Zusammenhang nicht mehr nachweisbar. Es konnte aber ein erstaunlich hoher Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und dem Anteil ärmerer Haushalte am Volkseinkommen nachgewiesen werden. Die Ausgewogenheit von Einkommensverhältnissen und Statusunterschieden wurde als jener Faktor identifiziert, der am stärksten die höhere Erkrankung Ärmerer erklärt. Nicht wie reich wir insgesamt sind, ist die Frage, sondern wie stark die Unterschiede zwischen uns sind.

 

Gesellschaften mit größerer Ungleichheit unterscheiden sich von denen mit weniger Ungleichheit auch in

anderen Aspekten. Das Vertrauensniveau fällt geringer aus, es gibt weniger Beteiligung an der Gemeinschaft. Je ungleicher Gesellschaften sind, desto defizitärer sind die psychosozialen Ressourcen. Es gibt häufiger das Gefühl ausgeschlossen zu sein, nicht eingreifen zu können, sich nicht aufeinander verlassen zu können.

 

Was wirklich hilft: gegen Armut und für mehr sozialen Zusammenhalt

 

Armut ist kein Naturereignis. Es gibt genügend Instrumente und Möglichkeiten, im Vollzug der Sozialhilfe, in der Schule, beim Wohnen und mit sozialen Dienstleistungen der Armut gegenzusteuern. Keinesfalls hilft es, die Opfer der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit zu Schuldigen ihres Schicksals zu stempeln.

 

Das Ende der Krise ist nicht mit dem Steigen der Aktienkurse anzusetzen, sondern mit dem Sinken von Arbeitslosigkeit und Armut. Es geht darum, die Schwächen des Sozialstaats zu korrigieren und seine Stärken zu optimieren. Es geht darum, den großen sozialen Herausforderungen und neuen sozialen Risiken, wie etwa prekäre Beschäftigung, Pflege, psychische Erkrankungen oder Migration zu begegnen.

 

5. Ganzheitliches Handeln

 

Für die Reduzierung der Armut braucht es einen ganzheitlichen Ansatz und die Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Erst das Zusammenspiel mehrerer richtig gesetzter Interventionen zeigt Wirkung.

So vermeiden zum Beispiel die höchsten Familiengelder allein Armut nicht, sonst müsste Österreich die geringste Kinderarmut haben; die aber hat Dänemark mit einer besseren sozialen Durchlässigkeit des Bildungssystems, einem bunteren Netz von Kinderbetreuung wie auch vorschulischer Förderung und höherer Erwerbsmöglichkeiten von Frauen. „Arbeit schaffen" allein vermeidet Armut offensichtlich nicht, sonst dürfte es keine beschäftigten Armen in Österreich geben. Eine Familie muss von ihrer Arbeit auch leben können. Auch die Landessprache Lernen allein reduziert Armut und Ausgrenzung nicht, denn sonst müssten die Jugendlichen in den Pariser Vorstädten bestens integriert sein, sprechen sie doch tadellos französisch. Es fehlt aber an Stellen, Aufstiegsmöglichkeiten, Wohnraum und guten Schulen.

 

Aus dem Gespräch:

Das Problem der Betreuung alter Menschen ist bedrückend.

Der Referent verweist auf die Notwendigkeit von Investitionen in diesen (und anderen) Bereichen und auf die positiven Effekte der Schaffung von Arbeitsplätzen, evtl. regionale Förderung. NN weist auf die hohe Steuerquote in Ö. hin und auf die seiner Meinung nach bestehende Ratlosigkeit der Politik bei der Lösung der Probleme. Der Referent meint, dass Vermögenssteuern und eine weitere Verwaltungsvereinfachung Abhilfe schüfen, und er bringt Beispiele vor.

 

Wie können wir 0,5 Mio. Armen und 1 Mio. von Armut Bedrohten konkret helfen?

Wie erreichen Diakonie, Caritas, Kirche und christliche Gemeinden die Politik und die Praxis der Hilfe?

 

Einfache Antworten gibt es nicht, aber die Sozialen Dienste betreiben Lobbying, erstellen Analysen, kümmern sich um internationale Zusammenarbeit, entwickeln Initiativen (Oikokredit, Kulturbeteiligung, Theatergruppen) und bemühen sich um Bewusstseinsbildung.

 

Armut in Europa im Vergleich zu Afrika? Grundsätzlich ist Vieles gleich; der Unterschied liegt in den unterschiedlichen Ressourcen.

 

In Österreich gibt es viele Interessenvertretungen; es fehlt eine solche der Armen.

Dass Kirchen - nicht deren sozialen Dienste - zu wenig in dieser Richtung tun, dem wird widersprochen. In den Gemeinden ist sehr viel Engagement vorhanden und in Ö wird sehr viel gespendet. Vielleicht gibt es zu wenig Meinungsbildung in den Gemeinden. Caritas und Diakonie leisten „Anwaltschaftliche" Arbeit und verstehen sich weniger als Interessenvertretung.

 

Sorge vor einem wachsenden Migranten-Problem, konkret dzt. aus Nordafrika.

Es besteht tatsächlich eine restriktive Handhabung der Arbeitsmigration.

Ein generelles Bettelverbot in der Steiermark ist für den Ref. indiskutabel, andere Verbote sind nicht pauschal abzulehnen, und er führt Beispiele an.

Wichtig sind Hilfe des einzelnen Menschen an einem anderen Einzelnen und in der Gesellschaft die Ermöglichung eines menschenwürdigen Lebens.

 

Hilfe auf Augenhöhe (z. B. Zeitschrift „Augustin") ist wichtiger als eine „von oben herab". Es geht nicht um Barmherzigkeit im herkömmlichen Sinn, sondern darum, dem Menschen „gerecht" zu werden.

f. d. Protokoll: Theodor Gams

 

 

 

 

Nächster Termin: 20 März 2011, 15 Uhr

 

Wie sag ich's einem "Un-Theisten"?

Referentin: Sr. Dr.in Melanie Wolfers

 

In Ostdeutschland begegnet man häufig einem Phänomen, das auch in Westdeutschland und Österreich immer öfter auftaucht. Menschen, die religiös desensibilisiert sind. Wie kann man im Gespräch mit einem „homo areligiosus" von Gott reden? Ist der Mensch tatsächlich „unheilbar religiös", wie es Berdjajew sagt? Hintergrund des Referates sind das Buch von Andreas Knapp und Melanie Wolfers: „Glaube, der nach Freiheit schmeckt. Eine Einladung an Zweifler und Skeptiker", München 2009, und Erfahrungen in der Arbeit mit jungen Erwachsenen.

 

 

 

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